Ostallgäu
Sozialdemokratie
in Wort und Tat

Verleihung des 30. Sozialistenhutes an Hannelore Kraft

Dieses JAhr ging der Sozialistenhut an die Ministerpräsidentin von Nordrheinwestphalen Hannelore Kraft. Die Laudatio hielt Prof. Christian Pfeiffer.

Da stärkt sich der Verfasser dieser Zeilen gemütlich im Löwen-Restaurant in der Allgäu-Stadt Lindenberg, mit einer deftigen Portion Kässpätzle und einem alkoholfreien Weißbier. Da plötzlich wird es unruhig im Nebenraum. Blitzlichtgewitter, lautes Stimmengewirr. Moment: Eine Stimme kommt einem doch bekannt vor: Hannelore Kraft, die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin. Man dreht sich um: Ja sie ist es wirklich, hier mitten im schwarzen Allgäu. In Sonthofen hat sie vor drei Jahren bereits eine Ansprache beim traditionellen Neujahrsempfang der Allgäuer Genossen gehalten. Sie begrüßt freundlich alle Anwesenden mit Handschlag, auch den Schreiberling, den ihr Leo Wiedemann als Repräsentanten der Bodensee-Internationale (SBI) vorstellt. Sie interessiert sich auch wegen der grenzüberschreitenden Kontakte in NRW mit benachbarten Sozialdemokraten in Holland und Belgien für die seit über hundert Jahren bestehende Zusammenarbeit von SPD, SPÖ und SP Schweiz in der Vierländerregion am Bodensee.
Oben im großen Löwen-Saal warten schon an die 500 Besucher/innen gespannt auf die nunmehr 30.Verleihung des traditionellen Sozialistenhutes an Hannelore Kraft. Mit dabei die Duracherin Heidi Lück, frühere SPD-Landtagsabgeordnete, ferner Otto Ziegler, der aus Isny angereist ist, sowie die Lindauer Hermann Dorfmüller, auch ein Träger des Sozialistenhutes, Erich Schäfler und Erwin Engel. Der Lindauer Landrat Stegmann ist da, einige Allgäuer Bürgermeister wie Gerd Ilg und natürlich auch der gastgebende Lindenberger Schultes (mit Amtskette) Eric Ballerstedt. Und das Jugend-Ensemble der Lindenberger Stadtkapelle, das aus diesem Anlass einige Kostproben von seinem beachtlichen musikalischen Repertoire darbietet.
„Warum soll Hannelore heute Abend einen eleganten schwarzen Hut aufgesetzt bekommen?“ fragt sich Christian Pfeiffer, der bundesweit bekannte Hannoveraner Kriminologe und einst auch Landesjustizminister in Niedersachsen zu Beginn seiner Laudatio. Es ist Tradition, dass immer auch der letztjährige neue Hutträger zur neuen Preisverleihung ebenfalls nach Lindenberg anreist, um die Laudatio für die aktuelle Ehrung vorzutragen. Sie hat ihren Ursprung in der Zeit der Sozialistengesetze unter Reichskanzler Bismarck, als Ende des 19.Jahrhunderts für einige Jahre jegliche Aktivitäten der Sozialdemokratischen Partei im deutschen Kaiserreich verboten waren. Als Erkennungszeichen trugen die Linken im damaligen Allgäu eben diesen breitkrempigen schwarzen Hut, ein Erzeugnis aus der Hutmacherstadt Lindenberg.
Im Sinne der Stiftungsurkunde für die Sozialistenhut-Verleihung gehört es sich, dass die Preisträger/innen nicht nur brav dem innerparteilichen oder gesellschaftlichen Mainstreaming gefolgt sind, sondern öfters auch mutig eigene kritische Gedanken und Anstöße gegen die herrschende (Partei-)Meinung geäußert haben. Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich diesbezüglich gerne an den einstigen SPD-Bundestagsabgeordneten aus Kempten, Dieter Lattmann, der in einer Buchveröffentlichung seinerzeit zu mehr Zivilcourage in der Politik aufgerufen hatte und den Wert des „gegen den Strom Schwimmens“ verteidigte. Dies gilt auch für einen anderen Träger des Sozialistenhutes, für den engagierten Anwalt des solaren Energiezeitalters und früheren Bundestagsabgeordneten, Hermann Scheer, der mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wurde.
Christian Pfeiffer zeichnet den Werdegang von Hannelore Kraft nach, Tochter eines Straßenbahnfahrers und einer Schaffnerin, die nach dem unter viel Mühen erworbenen Abitur Wirtschaft am King`s College in London studiert und dann auch noch in der Schweiz eine Bankenlehre absolviert hatte. Zur Politik kam sie erst später, nach vielen Erfahrungen und Kompetenzen in einem „realen“ Berufsleben, das sie in der Parteikarriere (seit etwa 14 Jahren) unabhängiger gemacht hatte. Sie war nicht bereit, dem Ansinnen des Parteivorstandes zu folgen und für die SPD als Kanzlerkandidatin gegen Angela Merkel ins Rennen zu gehen. Und in ihrem Bundesland Nordrhein-Westfalen kämpft sie gerne mit Ecken und Kanten, auch innerhalb ihrer eigenen Landespartei, wenn es darum geht, ein Anliegen von Christian Pfeiffer politisch voranzubringen, nämlich mehr für die Kinder und Jugendlichen und die Familien zu tun, damit sie nicht in die Langzeitarbeitslosigkeit und in ein Leben auf der „schiefen Bahn“ bis hin zur Kriminalität abgleiten. Kein Kind zurücklassen! Und ebenso die Verkehrsinfrastruktur in NRW auf Vordermann zu bringen: Straßen, Brücken, Bahngleise zu sanieren. Selbst wenn damit die schwarze Null im Landeshaushalt erst später erreicht wird. Beim60-Milliarden-Haushalt in Nordrhein-Westfalen fallen jedes Jahr 25 Milliarden Euro an zur dringlichen Instandsetzung bei Infrastruktur-Maßnahmen und an staatlichen Leistungen für gesellschaftliche „Reparaturen“, etwa zur Inobhutnahme von Kindern aus miserablen Familienverhältnissen. Viel ist zu tun, so Pfeiffer, um immer mehr verwahrlosende männliche Heranwachsende vor dem Abgleiten in Drogensucht, ins stundenlange Computerspielen und gar in den politischen Extremismus zu bewahren, weil sie keine Lebensperspektive mehr haben. Bei den Kitaplätzen hat NRW im Vergleich mit anderen Bundesländern enorm aufgeholt, lobt Christian Pfeiffer.
Nach dieser Laudatio und nach einem kurzen musikalischen Intermezzo setzt dann Leo Wiedemann, das Lindenberger SPD-Urgestein und maßgeblicher Organisator der alljährlichen Sozialistenhutverleihung, den modischen Hut auf das Haupt der Ministerpräsidentin.

Die Sozialistenhutträger Hermann Dorfmüller, Leo Wiedemann, Hannelore Kraft und Christian Pfeiffer

Die Sozialistenhutträger Hermann Dorfmüller, Leo Wiedemann, Hannelore Kraft und Christian Pfeiffer

„Ich bin ganz gerührt, verdien ich den überhaupt?“ beginnt sie ihre Ansprache. Auch im Sinne einer anderen Trägerin des Sozialistenhutes, der couragierten Brandenburgerin Regine Hildebrandt, ruft Hannelore Kraft die Zuhörer dazu auf, sich der früheren Tradition der SPD wieder stärker zu besinnen, nämlich Kümmerer-Partei zu sein! Sich kümmern um die Verwirklichung der Grundwerte der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Solidarität da, wo immer sie noch nicht verwirklicht sind: in unserer Nachbarschaft, in unserer Wohngemeinde, in der Region oder im ganzen Land. „Wir haben die Verpflichtung geerbt“, so die SPD-Politikerin, „weiterzukämpfen und nicht politische Arbeit nur so zu verstehen, wie Regine Hildebrandt es mal giftig kommentierte, ‚in Hinterzimmern den Hintern noch breiter auszusitzen‘“. Sozialdemokraten seien dafür prädestiniert, die Welt zu verbessern. Man darf sich nicht auf dem Erreichten ausruhen: nicht in der Bildungsgerechtigkeit, nicht in der Familienpolitik, nicht in der Energiewende, nicht in der Politik für Senioren, für Pflegebedürftigte und länger Erkrankte. Dieses engagiert vorgetragene „Mantra“ der NRW-Ministerpräsidentin begeistert die Zuhörer. Sie stehen nach der Rede der neuen Sozialistenhutträgerin allesamt auf und klatschen begeistert Beifall. Sie freuen sich auf das Wiedersehen mit ihr, wenn sie in einem Jahr wieder ins Allgäu anreist, um pflichtgemäss die Laudatio für die neue Trägerin oder des neuen Trägers zu übernehmen.
Leo Wiedemann lädt schon jetzt wieder gerne nach Lindenberg ein.

Bericht: W.Bernhard
Bilder: Wolf Rolff

Artikel veröffentlicht am: 8. Oktober 2014